11/09/2026
Das älteste erhaltene Wort einer Frau in lateinischer Sprache. Es ist eine Geburtstagseinladung.
Während Rom im Süden einen Heilgott willkommen heißt, ist am selben 11. September, hunderte Meilen weiter nördlich, von alldem nichts zu spüren. Regen trommelt gegen die Eichenbalken einer Festung in Northumbria. Ein Torffeuer wehrt sich gegen die Feuchtigkeit.
Am Tisch im Wohnhaus des Kastellkommandanten sitzt Sulpicia Lepidina. Ein Kurier hat ihr ein dünnes Holztäfelchen gebracht, frisch eingetroffen, über schlammige Wege.
Es ist eine Einladung. Claudia Severa, die Frau des Kommandanten eines Nachbarkastells, bittet ihre Freundin zu ihrer Geburtstagsfeier. Die ersten Zeilen sind in der eleganten Handschrift eines professionellen Schreibers verfasst. Doch ganz am Ende, in der rechten unteren Ecke, bricht diese Ordnung ab. Claudia Severa hat dem Schreiber die Feder selbst aus der Hand genommen:
„Ich werde dich erwarten, Schwester. Leb wohl, Schwester, meine Seele, so wahr ich leben mag, Liebste, und sei gegrüßt."
Für uns ist dieses unscheinbare Stück Holz eine Sensation, eines der ältesten erhaltenen Zeugnisse einer Frauenhand in lateinischer Sprache überhaupt. Während das offizielle Rom im Süden den Tempelgeburtstag eines Heilgottes feiert, zeigt dieser Brief im nassen Norden eine andere Wahrheit: Das Imperium wurde nicht nur durch Legionärsstiefel und Senatorentogen zusammengehalten. Es überlebte auch durch ein hauchdünnes Netz aus persönlicher Sehnsucht und Freundschaft, an den unwirtlichsten Rändern der bekannten Welt.
Severas Geburtstag ist kein staatlicher Feiertag. Er ist ein Rettungsanker, der zwei Frauen tausend Meilen von Rom entfernt daran erinnert, wer sie eigentlich sind.
Folge für den ganzen römischen September – Rom ist mehr als Kaiser und Schlachten.
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