31/07/2026
Nicht nur für Portugal-Freunde.
Die 80-jährige portugiesische Autorin Lídia Jorge ist eine europäische Autorin der Stunde. Vor drei Tagen wurde sie im Rahmen der Salzburger Festspiele | Salzburg Festival mit dem Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur (Bundesministerium für Wohnen, Kunst, Kultur, Medien und Sport) ausgezeichnet, Anfang Juli erhielt sie den mit 100.000 Euro dotierten Camðes-Preis (Camões Berlim), die höchste Auszeichnung für Autor*innen portugiesischer Sprache. Jorge zählt seit vielen Jahren zu den bedeutendsten Stimmen der portugiesischen Literatur. Neben dreizehn Romanen hat sie Kinderbücher, Erzählungen, Theaterstücke, Gedichte und Essays verfasst. Dabei klingt immer wieder ihre Kritik am europäischen Kolonialismus durch. Sie setzt sich als Autorin aber auch mit sozialer Ungleichheit und Armut, mit der Diskriminierung von Frauen, mit Rassismus oder mit der portugiesischen Nelkenrevolution von 1974 auseinander. Dies wird besonders in dem im Frühjahr erschienen Roman »Die Stunde der Nelken« deutlich, den Marianne Gareis für den Secession Verlag für Literatur mitreißend übersetzt hat. Drei Jahrzehnte nach dem 25. April 1974, dem Tag der portugiesischen Revolution, soll die in den USA lebende Ich-Erzählerin Ana Maria Machado, Tochter eines linken portugiesischen Journalisten, für die CNN eine Fernsehreportage über die sogenannte »Nelkenrevolution« machen. Über diese Recherche entzaubert Jorge die sich bis heute haltenden Mythen der Nelkenrevolution, setzt den vergessenen Helden ein Denkmal und zeigt, wie Mut und Aufrichtigkeit unter den Mühlrädern der Geschichte in Vergessenheit geraten. Die Jury für den Österreichischen Staatspreis lobte, dass sich Lídia Jorge als »Zeugin der Zeiten und der Räume« häufig dem Bericht, der Wiedergabe des Gesprochenen und Erzählten, dem Bekenntnis, mitunter auch in einer Art von Polyphonie, widme. Man dürfe ihre Romane aber nicht als Parabeln lesen. Vielmehr führe sie die Leser:innen mit ihren Texten »in jene Bereiche der tiefen Verunsicherung, wo nichts erhaben oder symbolisch ist, aber alles von Bedeutung, wie ein Seufzer, eine Erkältung oder ein Bad im Meer.«