09/08/2026
Alles Banane ... Ostdeutschland, Gefühle und die AfD
Der Historiker Clemens Villinger hat dem Tagesspiegel kürzlich ein Interview gegeben, bei dem ein Satz für mich herausstach, in dem Villinger die materiellen Voraussetzungen in der DDR beschreibt: Aufgrund der „recht ähnlichen Lebensbedingungen waren die Menschen besonders sensibel für kleinere Ungleichheiten“.
Das begann schon damit, dass man es als „ehrlicher Arbeiter“ als ungerecht empfand, wenn der „Nachbar, der längst nicht so viel leistet wie ich“ materiell viel besser dasteht, weil er „eine Oma im Westen hat, die ihm regelmäßig Westgeld schickt“. Entsprechende Beschwerdebriefe an den Staatsrat oder das Ministerium für Handel und Versorgung hat Villinger in Archiven aufgespürt.
AfD-Fans fühlen sich ungerecht behandelt
Ich finde das mit diesem Ungerechtigkeitsempfinden deshalb so spannend, weil ich genau über dieses Thema kürzlich im ARD Deutschlandtrend gestolpert bin. Der entsprechenden Umfrage zufolge finden 70 Prozent der Anhängerinnen und Anhänger der AfD, dass sie im Vergleich zu anderen im Land weniger als den gerechten Anteil bekommen. (In keiner anderen Partei ist dieses Problem auch nur annähernd so groß.)
Heißt: Wer sich ungerecht behandelt, ja benachteiligt fühlt, ob aus tatsächlichen Gründen (geringerer Verdienst, kaum Erbe) oder aus geschürten Vorurteilen und Verschwörungserzählungen (die Flüchtlinge kriegen alles und ich nichts) heraus, ist für politische Umbrüche offener.
Und jetzt sind wir wieder bei dem Villinger-Interview. Der Historiker sieht nämlich vor allem in einer Unzufriedenheit mit Konsummöglichkeiten und der Teilhabe, insbesondere im gesamtgesellschaftlichen Vergleich (Ost versus West, Arm versus Reich) hohes Konfliktpotenzial.
Unzufriedenheit führt zu Protesten
In der DDR habe die große Unzufriedenheit mit dem Wirtschaftssystem zu breiten Protesten und schließlich zur friedlichen Revolution geführt. Und damit zur Demokratie. Villinger aber warnt: Das „kann aber auch eine andere Richtung nehmen, siehe AfD“.
Eine Lösung sehe ich da jetzt auf die Schnelle nicht. Aber gut wäre schon einmal, wenn Bundeskanzler Friedrich Merz seine Abscheu gegenüber den normalen Menschen nicht allzu deutlich äußern würde. Vielleicht könnte man gegebenenfalls auch noch einmal über Fehler und Verletzungen im Transformationsprozess sprechen.
Ich bin der festen Überzeugung, dass viele Enttäuschte, hüben wie drüben, sich gern einmal gesehen fühlen wollen. Hören wir uns doch die Geschichten an und betrauern mögliche Ungerechtigkeiten. Vielleicht können wir dann ja damit abschließen und ersparen uns eine neue Diktatur.
Was meint ihr?
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👇 Bananen - D.A.S. Symbol für Mangel in der DDR. (Bild: StockSnap/Pixabay)