31/10/2023
Ich liebe diesen Passus aus der Einleitung in das Buch "The Hidden Order Of Art" von Anton Ehrenzweig. Noch nie fand ich einen so scharfsinnig manövrierenden Einleitungstext und eine charmante Leseanweisung zu einem Buch. Dieser Prolog offenbart für mich darüber hinaus eine große selbstbewusste Klarheit, aber auch Bescheidenheit gegenüber seinem eigenen Werk.
Ich lese Bücher eigentlich stets nach diesem Prinzip. Ich wage mich oft an Bücher, vor allem Sachbücher, die zunächst meinen Horizont (maßlos) übersteigen und bin froh, wenn ich ein paar wenige Aspekte verstehe, Argumentationslinien der Spur nach folgen kann. Manchmal lese ich schwierige Passagen auch mehrfach, um zu überprüfen, ob ich mit etwas Distanz mehr verstehe, manchmal überspringe ich diese auch ganz natürlich. Gelegentlich lege ich ein Buch auch zur Seite und belese mich über diverse implizite und explizite Theorien, um dann mit meinem neuen Wissen den Extrakt nochmals neu zu sezieren. Vielleicht verstehe ich dann mehr, dann freue ich mich. Manchmal auch nicht, dann kommt die Zeit vielleicht noch.
Eigentlich screene ich jeden Text auf die Aspekte, die nicht neu für mich sind und konzentriere mich auf das, was ich lernen kann. Wenn ich zu Fragmenten, die ich bereits kenne anderer Meinung bin, tilge ich diese, denn auch sie bringen mich nicht weiter. Würde ich mich ihnen an die Fersen heften und mich in sie hinein fräsen, würden sie mir die Zeit rauben, um die Dinge aus einem Text herauszuziehen, die meinen Horizont erweitern können und mich auf neue Spuren hinweisen.
Dieses Buch von Anton Ehrenzweig – im Übrigen für Kunstinteressierte ein sehr lesenswertes – erschien 1971. Seine Bitte an die Leserschaft hatte sicherlich inhaltliche Gründe. Heute, in Zeiten der Cancel Culture auch im Literaturbetrieb, erscheinen mir diese Worte in einem neuen Licht. Viele von uns Autoren sind sehr fragile Seelen. Vielleicht sind wir es sogar alle. Ich frage mich, wie viele Autoren und Autorinnen ähnliche Worte ihren Büchern, Artikeln und Essays voranstellen wollten, um den/die LeserInnen in eine konstruktive, wohlwollende Haltung zu ihrem Text zu bringen.
Wie lest Ihr Texte?