12/04/2024
Liebe Leserinnen und Leser,
heute steht hier die Wiederentdeckung einer Autorin auf dem Programm:
In den 90ern war ich ziemlich verliebt in die Bücher von Barbara Kingsolver, in "Siebengestirn", in die "Pfauenschwestern" und in die "Giftholzbibel" (allesamt leider seit Langem vergriffen) und deshalb war ich mehr als erfreut, als der DTV einen neuen Roman der Autorin ankündigte.
"Demon Copperhead" ist inzwischen erschienen und ich gebe zu, mit dem Buch zunächst etwas gefremdelt zu haben. Gesellschaftliche Themen sind schon immer das Ding von Kingsolver gewesen - es war also wohl eher die Sprache, die ich von ihr so nicht gewohnt war.
Die Autorin lässt hier einen Waisenjungen seine Geschichte selbst erzählen: Demon Copperhead, Sohn eines toten Vaters und einer kindlichen Junkiemutter, erblickt das Licht der (Hilbilly-)Welt im Badezimmer des Trailers seiner gerade weggetretenen Mutter, welcher wiederum in einer Trailersiedlung steht - irgendwo in den Apalachen, einer Landschaft, in der auch die Autorin lebt.
Wäre nicht zufällig die Nachbarin, Mrs. Peggot in diesem Moment aufgetaucht, wäre die Geschichte hier schon zu Ende. Das Kind wird aber mit einer "Glückshaube" geboren und ich kann Ihnen versichern: die wird es auf den folgenden 800 Seiten auch bitter nötig haben...
Die Mutter kann sich nämlich aus naheliegenden Gründen wenig um Demon kümmern, gibt aber ihr Bestes und das ist nicht sehr viel.
Zum Glück kann er nebenan bei den Peggots als weiteres Familienmitglied aufwachsen - bis die Mutter einen brutalen Typen heiratet.
Als sie sich noch vor ihrem 30. Geburtstag den goldenen Schuss setzt, wird Demon erst Opfer dieses Rohlings und später das der Jugendbehörde, die ihn in Familien gibt, die nicht Demons sondern ihre eigenen Interessen im Sinn haben - um es mal neutral zu formulieren.
Das Kind wird also zu schnell erwachsen und erzählt uns mit eigenen Worten, in einer rotzfrechen Sprache und in einem frühreifen, selbstironischen Tonfall von seiner Odyssee, die ihn lange von einem unschönen Ort zum nächsten führt.
Die LeserInnen von Dickens´ Romanen werden längst gerochen haben wo der Schinken hängt: die Bezüge auf "David Copperfield sind nicht zu übersehen. Namen und auch Teile des Handlungsverlaufs verweisen immer wieder auf Demons 170 Jahre älteren, großen Bruder im Geiste.
Dieser Roman ist aber alles andere als einfach nur eine sehr gut gemachte Nacherzählung in modern.
In diesem abenteuerlichen Coming-of-Age-Roman holt Kingsolver ein Thema ans Licht, das, zumindest literarisch, noch nicht häufig behandelt wurde: die sogenannte Opioid-Krise in den USA.
Es geht um Opioide in Schmerzmitteln (Oxicontin), die auf den Markt gebracht wurden, obwohl es keine Langzeitstudien gab. Dazu kamen korrupte Behörden und verantwortungslose Pharmaunternehmen (wie Sackler), die Millionen für Werbung ausgaben, in denen sie die Suchtgefahr für diese Medikamente bewusst herunterspielten.
Zehntausende Tote und ein Heer von Süchtigen sind die Folge.
Außerdem stellt die Autorin hier ein Sozialsystem an den Pranger, dass diesen Namen nicht verdient und das uns LeserInnen wie direkt aus Dickens Zeiten ans Ende des 20. Jahrhunderts gebeamt erscheinen muss.
Zum Glück für Demon (und nicht zuletzt auch zum Glück für uns LeserInnen) gibt es im Roman immer wieder Hoffnung; immer wieder tauchen Menschen auf, die für Demon da sind und ihn ein Stück Wegs begleiten.
Barbara Kingsolver ist und bleibt also für mich eine große und engagierte Autorin, die für diesen Roman zu Recht den Pulitzer Preis 2023 erhielt - gemeinsam mit dem wunderbaren Hernán Díaz für dessen Roman "Treue".
Lassen Sie sich auf das Abenteuer ein, sie für sich zu entdecken.
PS: dies aber nur noch, weil es mir persönlich so gut gefallen hat: Dennis Scheck hat gesagt, "dieser Roman liest sich, als hätte sich Suzanna Arundhati Roy zusammengetan mit John Irving". Die Essenz dieses Buches in einem Satz - und dem ist nun nichts mehr hinzuzufügen. (I.H.)
außer vielleicht dem Link: