12/08/2023
Marvel Moreno, Im Dezember der Wind
Die Anais Nin der Karibik, so nannte die El Pais sie: Marvel Moreno, eine der ganz großen kolumbianischen Autor:innen, gilt es hierzulande erst noch zu entdecken.
Sie war Zeitgenossin von berühmten lateinamerikanischen Autoren wie Gabriel Garcia Marquez, Julio Cortazar und Mario Vargas Llosa, wurde aber im Getöse der Begeisterung über die Männer übersehen und übergangen, die Rezeptionsgeschichte ihrer Werke ist geprägt von Zurückweisung und Geringschätzung. Marvel Moreno, geboren in Barranquilla, einer Stadt an der kolumbianischen Karibikküste, lebte von 1971 bis zu ihrem Tod 1995 in Paris, zum Teil in prekären Verhältnissen. Sie brauchte den Abstand zu ihrer Heimat, um dem Narrativ ihrer männlichen Kollegen etwas entgegensetzen zu können.
Der Roman „Im Dezember der Wind“ erschien erstmals 1987 und gewann mehrere große Preise. Er gilt als die Bibel von Barranquilla, allerdings eine subversive Bibel, wie die Übersetzerin Rike Bolte erzählt. Ihr sei dieses Buch in die Hand gedrückt worden, als sie einen Ruf an die kosmopolitische Universität von Barranquilla bekam, und sie war so bestürzt und begeistert von dem Roman, dass sie ihn unbedingt und erstmals ins Deutsche übersetzen mußte.
Die Geschichte erzählt von 4 Frauen mitsamt weitverzweigter Unter- und Nebengeschichten. Die Hauptfigur und Erzählerin Lina ist der „Sehnerv“ des Romans. Durch ihre Beobachtungen erfahren wir, wie die unterschiedlichen Lebensentwürfe von Dora, Catalina und Beatriz immer wieder zusammenprallen mit der Realität einer patriarchalen Gesellschaft, in der das koloniale Erbe alle Beziehungen durchzieht. Diese Lebensgeschichten handeln von Freiheitsträumen und Demütigungen, von weiblichem Begehren, Liebesversuchen und männlicher Gewalt. Die Frauen sind jung, schön und gehören zur konservativen Elite der Stadt, sie genießen die Privilegien ihrer reichen Herkunft und sind doch gefangen in den engen Konventionen ihrer Zeit.
Marvel Moreno zeichnet sinnlich, scharf und manchmal ironisch ein Sittengemälde der kolumbianischen Gesellschaft der 60er Jahre. Ihre Frauenfiguren sind extravagant und markant, modern, rebellisch und umwerfend.
Der titelgebende Dezemberwind entpuppt sich als orkanartige brisas locas (verrückte Winde), die mit brutaler Kraft in die Stadt einbrechen und einen Gewaltstrudel mit sich bringen, Gewalt gegen die Fensterläden der Häuser und Gewalt der Männer gegen die Frauen.
Und auch Marvel Moreno bricht mit diesem Roman in unsere Herzen ein und wirbelt sie durcheinander, ein frischer Wind in unseren festen Lesegewohnheiten. (Text von V.G.)
Link zum Buch:
https://www.buchhandlung-moby-dick.de/shop/item/9783803133540/im-dezember-der-wind-von-marvel-moreno-gebundenes-buch
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Jeder Sturm hat seine Gründe, jedes Schicksal seinen Ursprung. Wie eine gelassene, weil machtlose Göttin sitzt die Großmutter inmitten von Zikadengezeter in der trägen Luft der Mittagsh*tze, als sie es Lina erklärt: warum ihre Freundin Dora einen Mann heiraten wird, der sie schlägt - und welch...