01/05/2026
In David Vajdas Debütroman »Diamanten« ist jeder seine eigene Kamera. Manche sehen die Welt in großen Bildern, andere verstehen sie erst später, wenn sie anfangen, ihr Leben innerlich neu zu schneiden, Szene für Szene.
Auf der Berlinale 2021 präsentierte David mit seinem Bruder Saša Vajda ihren Film »Jesus Egon Christus« Im Roman zeigt er uns eine Familie, als würde ständig jemand mitlaufen, der alles aufnimmt, was passiert. Dudie, der Ich Erzähler, Jude und Regisseur, versucht aus dem Alltag eine Geschichte zu machen, während das Leben gleichzeitig einfach weiterläuft, ohne Rücksicht auf Dramaturgie.
Ada, die Schwester, denkt in Kunstbegriffen und sagt Dinge wie Materialität, Körperlichkeit, Positionen, als würde sie die Welt permanent ausstellen. Benny, der große Bruder, liest Menschen wie Charaktere in einem Drehbuch. Blondie, der kleine Halbruder, wirkt wie eine Figur, die eher Atmosphäre ist als Handlung. Und der Vater nennt seine Kinder Mačak, Himbeeren, Diamanten, als wären sie etwas Kostbares, das man nicht verlieren darf.
In dieser Familie wird nichts nur erlebt. Alles wird sofort zu Erinnerung, zu Szene, zu möglichem Film. Wenn etwas nicht das Zeug hat zu einer guten Geschichte, einem Moment mit Form oder Bedeutung, rutscht es schnell aus dem Fokus.
Ein Besuch im Tito Mausoleum in Belgrad, dem Haus der Blumen, wird zur Kulisse für Geschichte, Familie und das, was man Erinnerung nennt. Marmor, Vergangenheit, ein Raum, der gleichzeitig Museum und Grab ist. Und trotzdem wirkt alles, als könnte gleich jemand „Cut“ sagen und es beginnt neu.
Fastforward: Bars, Streit, Politik, absurde Begegnungen, ein serbischer Regisseur mit zu viel Wahrheit im Mund, eine Familie, die sich gegenseitig spielt und verliert, Krankheit, Tod der Mutter, ein Vater, der alles zusammenhalten will, während es längst auseinanderläuft.
»Diamanten« bleibt dabei immer nah an diesem einen Gedanken: Leben als Montage, Erinnerung als Schnitt, Liebe als Versuch, nichts ungeschnitten zu verlieren.
Mehr zu Film, Literatur und Gegenwart gibt es im auf geistesblueten.com.