30/09/2025
SALAM SHALOM
Am Rande von "All Eyes on Gaza" fand am 27.9.25 im Berliner Lustgarten eine kleine, aber bemerkenswerte Kundgebung statt. Mit dieser Kundgebung schufen Jüdinnen, Juden, Palästinenserinnen und Palästinenser einen Raum für unbequeme Wahrheiten. Die Kundgebung stand unter der Devise: GEMEINSAM GEGEN TERROR UND KRIEG! GEMEINSAM GEGEN ANTISEMITISMUS UND ISLAMISMUS!
Der Redebeitrag der Hauptinitiatorin Hanan liest sich wie folgt:
Liebe Freundinnen und Freunde,
ich freue mich, dass wir zusammen hier stehen und vielleicht einen Anfang schaffen können. Einen Anfang damit, etwas in uns zu reparieren, was seit sehr langer Zeit immer mal wieder bricht, dann vielleicht schief zusammenwächst, und dann wieder bricht.
Mit dieser Kundgebung laden wir uns und Euch ein, Verantwortung zu übernehmen, für uns selbst und für eine Verbesserung der Zustände. Um gemeinsam heilen zu können.
Wo sollen wir anfangen, wenn wir verstanden werden wollen? Wenn wir uns nicht der rohen Gewalt und den Angriffen aussetzen wollen, die gerade in den sozialen Medien und in Freundschaften und im politischen Umfeld unser täglich Brot sind.
Wo anfangen, wenn unsere Geschichten, um die es geht, zu Anteilen aus Flucht-Geschichten, zu Anteilen aus komplexen Kriegs-Geschichten, zu Anteilen aus Vertreibungs-Geschichten, zu Anteilen aus Identitäts-Geschichten, zu Anteilen aus Deutschland-Geschichten bestehen?
Wo anfangen, wenn alles wichtig ist und jeden Tag neue Dinge passieren, und wir trotzdem den Nahostkonflikt in Berlin nicht lösen können..
Das haben wir uns gefragt, als wir diese Kundgebung organisiert haben. Und wir sind zu offenen Ergebnissen gekommen; anzufangen in unserem Zuhause hier in Berlin für ein Ende der antisemitischen Gewaltspirale und rassistischer Entmenschlichung aufzustehen.
Es war nicht leicht, den Aufruf zu dieser Kundgebung zu formulieren. Am liebsten hätten wir so vieles hineingeschrieben – all die Gedanken, Sorgen und Perspektiven, die uns seit Jahren beschäftigen. Doch wir mussten uns entscheiden und Worte finden, die nicht ausschließen, sondern verbinden.
Wir möchten transparent sein: Die Kritik, die wir dafür bekommen haben, nehmen wir ernst und wir verstehen sie gut. Was uns dabei schlaflose Nächte bereitet hat?
Sich gegen die Entmenschlichung von palästinensischen Stimmen in Deutschland und in Nahost zu wehren ist theoretisch absolut klar. Doch zu behaupten, das in die Praxis umzusetzen, sei eine einfache Sache, die mit simplen Forderungen auf einem Demo-Aufruf getan ist, wird unserer Wahrnehmung nach, der Situation nicht gerecht.
Nein, sie endet sogar in realem und tödlichen Antisemitismus. Warum?
Weil die Strategien des “islamistischen anti-kolonialen Projekts” seit frühestens den 1930ern, spätestens seit den 68ern innerhalb Deutschlands und International wirken.
Gleichzeitig gibt es Rassismus in Deutschland. Und zwar strukturell. Mit Auswirkungen auf die reale Teilhabe. Und er zeigt sich so divers, wie wir als “migrantische” Community sind. Auch wenn das gerade weder die autoritären Linken noch die Rechten in diesem Land verstehen. Rassistische Repression zeigt sich auch darin, das der Fokus der Bekämpfung von Antisemitismus auf dem “importierten” liegt. Er zeigt sich darin, dass auf Demonstrationen Sprachen wie Arabisch oder auch Hebräisch verboten werden.
Er zeigt sich darin, dass die Lösungen, die bereitstehen, nicht in der strukturellen Veränderung von Lehrinhalten, oder der Förderung von Zusammenarbeit oder dem Abbau von Ressentiments oder der Aufklärung über identitätsstiftende Ideologien liegen.
Das Verbot von Gruppen wie Samidoun war notwendig; die Verschärfung der Asylpolitik hingegen ist kein Kampf gegen Antisemitismus, sie ist ein Kampf gegen Schutzsuchende. Wer es mit linker Antisemitismuskritik ernst meint, kann sich auf solche Allianzen nicht einlassen. (KES, Jungle World)
Wie können wir den eigenen Schmerz benennen, ohne einen anderen zu relativieren? Wie können wir Solidarität ausdrücken, ohne Menschen, die seit 2 Jahren in einer Ausnahmesituation leben, das Gefühl zu geben, sie seien nicht gemeint?
Wenn meine jüdischen Freundinnen tagtäglich das Gleiche aussprechen und immer noch nicht gehört werden. Wenn Angst, Wut und Enttäuschung gar nicht bearbeitet werden können, weil seit 2 Jahren keine Pause zwischen Vorfall und Vorfall liegt. Dann sind meine Motivationen dagegen einzustehen, nicht “german guilt” und sicher nicht der moralische Ausschluss einer anderen Personengruppe, palästinensischer Menschen. Also auch meiner Familie.
Sondern dann ist die Motivation, sich nicht von Verschwörungs-Erzählungen einlullen zu lassen, sondern ihnen zur Seite zu stehen, mit ihnen zu weinen & meine eigenen BIAS zu erkennen.
Und trotzdem kann ich traurig und erschöpft sein. Hilflos.
Die Zivilbevölkerung – in Gaza ebenso wie im Westjordanland – verdient meine und unsere Solidarität, unser Mitgefühl und unser Verständnis. Und eine Stimme, die nicht noch mehr Gewalt fordert. Sondern über Zukunft spricht.
Ich kann die unter Netanjahus rechtsextremer Regierung getätigten Kriegsverbrechen in Gaza und die Äußerungen ranghoher israelischer Politiker:innen von Vertreibungs- und Vernichtungsphantasien ansprechen und verurteilen.
Und ich kann gleichzeitig erkennen, dass die Hamas das Sterben und die Zerstörung der Zukunft der Menschen Gazas nicht nur in Kauf nimmt, sondern auch dafür verwendet, Israel als “Juden unter den Staaten” zu isolieren. Korruption, Schreckensherrschaft, Gewalt und Instrumentalisierung, das bedeutet das Hamas-Regime.
Und das Massaker des 7. Oktober war zuallererst Angriff auf Jüdinnen*Juden weil sie jüdisch waren. Aber die Hamas kennt kein Gesetz. Keine Religion. Und Palästina interessiert sie nicht. Und deswegen galt der Angriff auch allen, die sich im Kampf gegen den Hass und den Faschismus der islamistischen Gruppen wehren. Und leider war ihre jahrelange Strategie erfolgreich. Die Rufe nach Intifada aus der deutschen Linken sind laut auf den Straßen.
Deswegen gilt: Sich klar zu distanzieren, wo Distanzierung geboten ist. Da Schutz zu bieten, wo Schutz gebraucht wird.
Und dabei den Dialog nicht zu vernachlässigen.
Ja, dieser Krieg hat unsere Empathie auf die Probe gestellt. Ich bemerke es bei mir selbst, wie meine Angst mein Mitgefühl an manchen Tagen blockiert. Und ich weiß, dass mich das erschreckt. Aber am Ende müssen wir unser Mitgefühl nicht teilen.