27/10/2022
Leichtathletik
Es gab einen Wechsel an der Spitze der erfolgreichsten Leichtathletiknationen. Erstmals verloren die USA die Führung in der Gesamtwertung. Dazu trugen auch zwei Sportler bei, weil sie ihren Einsatz verpassten, da ihr Trainer den Zeitplan nicht kannte.
Ein anderer Sportler hingegen verpasste seinen Lauf, weil er den falschen Eingang nahm.
Ein Oberschüler wurde kurzzeitig zum großen Helden, während dem eigentlichen Sieger kaum Beachtung geschenkt wurde.
Kaum Beachtung schenkten auch zwei Medaillengewinner der Siegerehrung, die sie nicht allzu ernst nahmen, was zu erheblichen Konsequenzen führte.
Dazu eine neue Technik im Hochsprung, ein Athlet, der ohne seinen “treuen Begleiter” nicht ins Ziel kommen wollte und Sportler, die unter ihrer politischen Führung litten.
Insgesamt gab es 38 Wettbewerbe, davon 24 für Männer und 14 für Frauen. Geregelt wurde die Teilnahme durch den internationalen Leichtathletikverband (IAAF).
Die Wettbewerbe fanden vom 31. August bis zum 10. September statt. Austragungsort war das Olympiastadion in München.
Es gab einige Neuerungen bei diesen Olympischen Spielen. Erstmals wurde die Zeiterfassung vollautomatisch auf Hundertstelsekunden genau vermessen. Ebenfalls neu war der Einsatz eines Prismenreflektors bei der Weitenmessung in den Wurfdisziplinen, anstatt wie bisher üblich, ein Maßband dafür zu verwenden. Nun wurde der Abstand mithilfe von infraroten Strahlen gemessen.
Blutdoping war schon damals ein Thema und wurde bereits dort missbilligt. Jedoch waren entsprechende Kontrollen zur damaligen Zeit noch nicht möglich.
Die erfolgreichsten Athletinnen und Athleten in den Leichtathletikdisziplinen kamen bei diesen Olympischen Spielen aus der (ehemaligen) Sowjetunion. Insgesamt holten sie 9x Gold, 7x Silber und 1x Bronze. Herausragend dabei war Ljudmila Bragina, die beim (erstmals für Frauen ausgetragenen) 1.500 Meter-Lauf in allen 3 Durchgängen einen Weltrekord aufstellte und den bestehenden Rekord dabei um mehr als 5 Sekunden verbesserte.
Knapp dahinter folgten die Sportler aus der (ehemaligen) DDR. Sie holten insgesamt 8x Gold, 7x Silber und 5x Bronze. Mit 6x Gold und jeweils 8x Silber und 8x Bronze erreichten die Athletinnen und Athleten aus den USA Platz 3.
Damit war zum ersten Mal die USA nicht mehr führend als erfolgreichste Nation bei den Leichtathletikwettbewerben. Dies war insofern nicht überraschend, da die beiden vorderen Nationen in der Medaillenwertung zuvor sehr viele staatliche Finanzmittel investierten, die sich dementsprechend nun auch auszahlten.
Dabei lag die DDR in der Gesamtzahl der Medaillen mit 20 sogar noch vor der Sowjetunion, die “nur” auf 17 kamen. Die USA hatten insgesamt sogar 22 Medaillen gewonnen, so viele wie sonst keine andere Nation. Davon allerdings eben “nur” 6 Goldmedaillen.
Anders sah es da hingegen bei der Bundesrepublik Deutschland aus. Sie sammelten ebenfalls 6 Goldmedaillen und erreichten damit ihr bis dahin bestes Ergebnis bei Leichtathletikwettbewerben während Olympischer Spiele.
Die erfolgreichste Athletin dabei war Heide Rosendahl, die die Goldmedaille im Weitsprung und in der 4-mal-100-Meter-Staffel gewann und im Fünfkampf Silber holte.
Für die DDR war Renate Stecher am erfolgreichsten bei den Frauen. Sie gewann sowohl im 100-Meter- und 200-Meter-Lauf Gold und holte in der 4-mal-100-Meter-Staffel Silber. Zusammengenommen waren die Sportlerinnen aus beiden Nationen äußerst erfolgreich. Sie holten 20 von 42 Medaillen.
Eines der Höhepunkte während dieser Olympischen Spiele war das deutsch-deutsche Duell in den Damensprintstaffeln, bei denen beide Nationen sehr erfolgreich waren. Die ostdeutschen Athletinnen gewannen dabei Gold und Silber und die Athletinnen aus der Bundesrepublik holten Gold und Bronze.
Einen Generationswechsel besonderer Art gab es beim Hochsprung. Eine neue Technik hielt Einzug und sorgte für frischen Schwung. Zwar gewann der sowjetische Athlet Jüri Tarmak mit der bis dahin bewährten “Straddle”-Technik und einer Höhe von 2,23 noch Gold, war damit allerdings zugleich auch der letzte Olympiasieger, der mit dieser Technik gewann. Bei den Frauen hingegen reichte diese Technik schon nicht mehr, denn es gewann die damals erst 16-jährige deutsche Jugendmeisterin Ulrike Meyfarth völlig überraschend mit dem rücklings gesprungenen “Fosbury-Flop” und einer Höhe von 1,92 Metern und stellte damit sogar einen Weltrekord auf.
Der Fosbury-Flop wurde immer beliebter, setzte sich aber erst nach 1980 bei allen führenden Springern durch.
Bei den Sprintwettbewerben gab es erstmals einen nicht amerikanischen Doppelsieg. Der sowjetische Athlet Walerij Borsow gewann beide Goldmedaillen über 100-Meter und 200-Meter. Fraglich bleibt allerdings, ob er diesen Erfolg auch geschafft hätte, hätte der US-Amerikanische Trainer den bereits Monate vorher veröffentlichten Zeitplan gekannt. Die beiden Topathleten Rey Robinson und Eddy Hart, die kurz zuvor noch bei den US-Trials mit 9,9 Sekunden jeweils Weltrekord gelaufen waren, verfolgten gerade die Liveübertragung im Fernsehen, als ihnen dabei bewusst wurde, dass es die Läufe mit ihrer Startberechtigung waren, die sie gerade dort sahen. Trotz größter Bemühungen schafften es beide nicht mehr rechtzeitig an den Start. Besonders drastisch war dies für Robinson, da es das letzte Rennen seiner olympischen Laufbahn war. Der dritte Athlet, Robert Taylor kam gerade noch rechtzeitig. Zwar musste er sich ohne aufzuwärmen an den Start für den 100-Meter-Lauf begeben. Aber er erreichte immerhin noch Silber, allerdings abgeschlagen hinter Borsow.
Aufmerksamkeit ganz anderer Art erreichten ihre beiden Landsmänner, die US-Amerikaner Vince Matthews und Wayne Collett. Bei ihrer Siegerehrung nach dem 400-Meter-Lauf führten sie während der Nationalhymne barfuß einen Tanz auf. Sie plauderten miteinander, spielten mit ihren Medaillen, scherzten, lachten und grüßten dabei demonstrativ das Publikum mit der Faust. Viele vermuteten dahinter eine Protestaktion der Black Power, einer Bürgerrechtsbewegung, die bereits während der Olympischen Spiele 1968 in Mexiko für Aufsehen sorgte. Beide widersprachen dieser Behauptung. Matthews erklärte sein Verhalten aufgrund von Ungerechtigkeiten, die er nach seinem Olympiasieg 1968 erfahren musste.
Der IOC sah diesen Vorfall längst nicht so amüsant. Matthews und Collett erhielten daraufhin eine lebenslange Sperre.
Erst später erklärten beide, dass sie sehr wohl für die Rechte der schwarzen US-Amerikaner demonstriert hatten.
Diese Maßnahme hatte auch ungewollt Auswirkungen auf die 400-Meter Staffel. Da zwei weitere Athleten durch Verletzung und Ausschluss nicht teilnehmen konnten bzw. durften und Matthews und Collett nun ebenfalls ausfielen, mussten die USA ihre Teilnahme an der 4-mal-400-Meter-Staffel absagen.
Ungewollte Probleme anderer Art bekam der Äthiopier Miruts Yifter. Beim 5.000-Meter Vorlauf nahm er den verkehrten Eingang ins Olympiastadion. Die strengen Ordner verwehrtem ihm daraufhin den Zutritt, sodass er nicht rechtzeitig zu seinem Rennen kam. Laut eigenen Angaben war dies ein Versehen seines Trainers. Vielleicht lag es aber auch daran, dass sie ihn nicht erkannten, denn eines der größten Geheimnisse bei den vorherigen Spielen in Moskau war sein Alter, das immerhin zwischen 33 und 42 Jahren variierte.
Wesentlich erfolgreicher lief es bei ihm dann aber beim 10.000-Meter-Lauf. Dort holte er die Bronzemedaille.
Probleme anderer Art bekam der ostdeutsche Peter Frenkel, als er nach seinem Olympiasieg beim 20-Kilometer-Gehen zusammen mit seinem Masseur in Schwabing feierte. Die Mannschaftsleitung der DDR sah dieses Verhalten bereits als abtrünnig. Sogar die Polizei wurde eingeschaltet und es wurde um Amtshilfe gebeten, um dem “rebellischen” Sportler Einhalt zu gebieten.
Nicht besser erging es seinem Teamkollegen Christoph Höhne. Er wurde beschuldigt, während der Wettkämpfe einen Fluchtversuch in die Bundesrepublik Deutschland unternehmen zu wollen. Obwohl sich diese Verdachtsfälle nie erhärteten, belastete das den Leipziger so sehr, dass er nicht mehr seine optimale Form erreichte und beim 50-Kilometer-Gehen schließlich nur einen enttäuschenden 14. Platz belegte.
Von mangelnder Treue, nicht gegenüber seinem Land, sondern von etwas ganz anderem, kann man bei Maurice Charlotin gewiss nicht sprechen. Der Haitianer wurde von einem Elektrofahrzeug begleitet. Als dieses kurz vor Ende des Marathonlaufs einen Defekt hatte und nicht mehr weiterfahren konnte, blieb der Haitianer ebenfalls stehen und beendete damit sein Rennen. Ohne dieses Fahrzeug wollte er nicht über die Ziellinie laufen und wurde dadurch Letzter. Zu sehr hatte er sich an das Gefährt gewöhnt.
Richtig kurios wurde es beim Marathonlauf. Der erst 16-jährige Oberschüler Norbert Südhaus, Teilnehmer eines Jugendlagers, stahl allen die Show. Ausgestattet mit Sportkleidung und falscher Rückennummer überwand er am Ende des Rennens kurz vor dem Stadion die Streckenabsperrung und lief unter dem tosenden Jubel von zig Tausenden Zuschauern als erster ins Stadion ein. Lange feierte daraufhin das begeisterte Publikum den vermeintlichen Sieger mit Ovationen, während dem eigentlichen Sieger Frank Shorter nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Eigentlich rechnete Shorter beim Einlauf ins Stadion mit Applaus und Jubel, stattdessen erwartete ihn ein enormer Tumult, den er nicht verstand. Es dauerte einige Zeit, bis das Publikum begriff, das es einem Irrtum erlegen war.
Norbert Südhaus wurde daraufhin kurzzeitig verhaftet. Der damalige NOK-Präsident Willi Daume begnadigte ihn schließlich mit den Worten “Sie sind ein dummer Junge, Sie wissen gar nicht, was Sie uns heute angetan haben” und schickte ihn anschließend nach Hause. Später tat ihm sein Verhalten leid und er wollte sich beim US-Amerikaner für sein Verhalten entschuldigen. Er schrieb ihm einen Entschuldigungsbrief, erhielt allerdings nie eine Antwort.
Frank Shorter brauchte später noch lange, um seine Enttäuschung über diesen Vorfall zu verarbeiten.
Zu einer Ehrenrunde kam Südhaus bei seinem Täuschungsversuch nicht mehr. Diese war damals bis dato sogar noch vollkommen unbekannt. Erst John Akii-Bua, der als erster Leichtathlet aus Uganda Gold gewann, lief nach seinem Sieg über 400-Meter-Hürden und Weltrekordzeit das erste Mal eine Ehrenrunde. Ihm folgten im Laufe der Jahre noch viele, viele weitere Athletinnen und Athleten.
Medaillenspiegel
Männer
Disziplin Gold Silber Bronze
100-Meter-Lauf Walerij Borsow (URS) Robert Taylor (USA) Lennox Miller (JAM)
200-Meter-Lauf Walerij Borsow (URS) Larry Black (USA) Pietro Mennea (ITA)
400-Meter-Lauf Vince Matthews (USA) Wayne Collett (USA) Julius Sang (KEN)
800-Meter-Lauf Dave Wottle (USA) Jewgeni Arschanow (URS) Mike Boit (KEN)
1.500-Meter-Lauf Pekka Vasala (FIN) Kipchoge Keino (KEN) Rod Dixon (NZL)
5.000-Meter-Lauf Lasse Virén (FIN) Mohamed Gammoudi (TUN) Ian Stewart (GBR)
10.000-Meter-Lauf Lasse Virén (FIN) Emiel Puttemans (BEL) Miruts Yifter (ETH)
Marathonlauf Frank Shorter (USA) Karel Lismont (BEL) Mamo Wolde (ETH)
110-Meter-Hürden Rod Milburn (USA) Guy Drut (FRA) Thomas Hill (USA)
400-Meter-Hürden John Akii-Bua (UGA) Ralph Mann (USA) David Hemery (GBR)
3.000-Meter-Hindernis Kipchoge Keino (KEN) Ben Jipcho (KEN) Tapio Kantanen (FIN)
4 x 100-Meter-Staffel USA
Larry Black
Robert Taylor
Gerald Tinker
Eddie Hart Sowjetunion
Alexandr Korneljuk
Wladimir Lowezki
Juris Silovs
Walerij Borsow BRD
Jobst Hirscht
Karlheinz Klotz
Gerhard Wucherer
Klaus Ehl
4 x 400-Meter-Staffel Kenia
Charles Asati
Munyoro Nyamau
Robert Ouko
Julius Sang Großbritannien
Martin Reynolds
Alan Pascoe
David Hemery
David Jenkins Frankreich
Gilles Bertould
Roger Velasquez
Francis Kerbiriou
Jacques Carette
20-Kilometer-Gehen Peter Frenkel (DDR) Wolodymyr Holubnytschyj (URS) Hans-Georg-Reimann (DDR)
50-Kilometer-Gehen Bernd Kannenberg (BRD) Weniamin Soldatenko (URS) Larry Young (USA)
Hochsprung Jüri Tarmak (URS) Stefan Junge (DDR) Dwight Stones (USA)
Stabhochsprung Wolfgang Nordwig (DDR) Bob Seagren (USA) Jan Johnson (USA)
Weitsprung Randy Williams (USA) Hans Baumgartner (BRD) Arnie Robinson (USA)
Dreisprung Wiktor Sanejew (URS) Jörg Drehmel (DDR) Nelson Prudêncio (BRA)
Kugelstoßen Wladyslaw Komar (POL) George Woods (USA) Hartmut Briesenick (DDR)
Diskuswurf Ludvík Danĕk (TCH) Jay Silvester (USA) Ricky Bruch (SWE)
Hammerwurf Anatolij Bondartschuk (URS) Jochen Sachse (DDR) Wassili Chmelewski (URS)
Speerwurf Klaus Wolfermann (BRD) Jānis Lūsis (URS) Bill Schmidt (USA)
Zehnkampf Mykola Awilow (URS) Leonid Lytwynenko (URS) Ryszard Katus (POL)
Frauen
Disziplin Gold Silber Bronze
100-Meter-Lauf Renate Stecher (DDR) Raelene Boyle (AUS) Silvia Chivás (CUB)
200-Meter-Lauf Renate Stecher (DDR) Raelene Boyle (AUS) Irena Szewińska (POL)
400-Meter-Lauf Monika Zehrt (DDR) Rita Wilden (BRD) Kathy Hammond (USA)
800-Meter-Lauf Hildegard Falck (BRD) Nijolė Sabaitė (URS) Gunhild Hoffmeister (DDR)
1.500-Meter-Lauf Ljudmila Bragina (URS) Gunhild Hoffmeister (DDR) Paola Cacchi (ITA)
100-Meter-Hürden Annelie Ehrhardt (DDR) Valeria Bufanu (ROM) Karin Balzer (DDR)
4 x 100-Meter-Staffel BRD
Christiane Krause
Ingrid Mickler-Becker
Annegret Richter
Heide Rosendahl DDR
Evelin Kaufer
Christina Heinich
Bärbel Struppert
Renate Stecher Kuba
Marlene Elejarde
Carmen Valdés
Fulgencia Romay
Silvia Chivás
4 x 400-Meter-Staffel DDR
Dagmar Käsling
Rita Kühne
Helga Seidler
Monika Zehrt
USA
Mable Fergerson
Madeline Manning
Cheryl Toussaint
Kathy Hammond BRD
Anette Rückes
Inge Bödding
Hildegard Falck
Rita Wilden
Hochsprung Ulrike Meyfarth (BRD) Jordanka Blagoeva (BUL) Ilona Gusenbauer (AUT)
Weitsprung Heide Rosendahl (BRD) Diana Jorgowa (BUL) Eva Šuranová (TCH)
Kugelstoßen Nadeschda Tschischowa (URS) Margitta Gummel (DDR) Iwanka Christowa (BUL)
Diskuswurf Faina Melnik (URS) Argentina Menis (ROM) Wassilka Stoewa (BUL)
Speerwurf Ruth Fuchs (DDR) Jacqueline Todten (DDR) Kate Schmidt (USA)
Fünfkampf Mary Peters (GBR) Heide Rosendahl (BRD) Burglinde Pollak (DDR)
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