13/05/2020
Hier eine Geschichte, die uns sehr berührt hat und ein absolut aktuelles Thema aufgreift. Aber lest selbst. Es lohnt sich!
Allein
„Kalila, hilf mir das Essen zuzubereiten!“ Genervt nehme ich wahr, dass ich von meiner Mutter gerufen werde. Als ich in der Küche ankomme, drückt sie mir ein Messer und ein Brett in die Hand. Mir steht der Sinn aber nicht danach, Gemüse zu schneiden. Stattdessen schaue ich aus dem Fenster. Gedankenversunken schaue ich nach draußen auf die kleine Wiese vor unserem Haus. Und dann sehe ich bewaffnete Männer. Moment! Was? Sie rennen an dem kleinen Fenster vorbei. Und dann fallen Schüsse. Ich bin starr vor Schreck. Mein Vater und mein Bruder! Ich höre ihre Schreie. Sie sind voller Schmerz, voller Verzweiflung und Angst. Meine Mutter packt meinen Arm und zieht mich in Richtung Keller. Ich aber kann mich nicht von der Stelle rühren. Ich habe die Augen weit aufgerissen, als sie mir zuraunt, dass wir uns auf der Stelle verstecken müssen. Sie schleift mich in den Keller, wo wir uns in einem Schrank verstecken. Wir hören, wie mehrere Leute in unser Haus stürmen. Stocksteif sitze ich da, an die Schrankwand gelehnt. Unfähig zu denken. Da. Stimmen. Ein Mann ruft: „Durchsucht die Zimmer nach weiteren Personen!“ Mir läuft es kalt über den Rücken. Sie dürfen uns unter keinen Umständen entdecken! Mein Atem wird immer schneller, aber ich darf jetzt nicht schreien. Und dann höre ich, wie die Schritte immer näher kommen.
Schweißgebadet wache ich auf. Ich höre die Schreie meines Bruders und meines Vaters nachhallen, sehe noch das schreckverzerrte Gesicht meiner Mutter vor mir.
Erst weiß ich nicht wo ich bin. Um mich herum ist ein dreckiges Zelt, der Boden ist feucht. Warum liegen hier noch so viele andere Menschen? Dann erinnere ich mich. Ich bin im griechischen Flüchtlingslager Moria. Hier sitze ich seit über einem Jahr fest. Bisher ist kein Ende in Sicht. Es gibt nicht genug zu essen, geschweige denn habe ich die Möglichkeit eine richtige Toilette zu benutzen. Ich verlasse das Zelt und sehe die vielen anderen Menschen, die hier mit mir festsitzen. Alle sind geflohen, und jeder von ihnen hofft, Zuflucht zu finden. Viele wollen nach Europa, andere hoffen, dass die vielen Kriege bald ein Ende haben und sie wieder in ihr Zuhause zurückkehren können. Ich schlängele mich an den Menschen vorbei, ich möchte meine Hände waschen. Alle reden jetzt von diesem Corona, und einige sind schon krank. Ich steuere auf die aneinandergereihten Waschbecken, die aus porösem braunem Stein bestehen, zu. Dann beuge ich mich etwas nach
vorne, um den Wasserhahn aufzudrehen. Natürlich weiß ich dass das sinnlos ist, wir haben seit Tagen kein fließend Wasser mehr. Aber ich kann es mir jetzt nicht leisten, die Hoffnung zu verlieren und aufzugeben. Das bin ich meiner Mutter schuldig. Ich habe es ihr versprochen, bevor sie bei der beschwerlichen Überfahrt im Mittelmeer ertrunken ist. Mir läuft eine Träne über die Wange. Ich vermisse sie. Auch mein Bruder und mein Vater fehlen mir. Hier bin ich immer von Menschen umgeben, aber doch unglaublich einsam. Ich bin erschöpft, so unglaublich erschöpft. Das Einzige was meinen Tagen hier ein wenig Farbe verleiht, ist die Zeit, zu der die Helfer kommen. Sie haben mir eine Schutzmaske und Wasser aus Flaschen gegeben, zumindest damit kann ich meine Hände waschen. Und sie sind sehr nett. Aber es kommen immer weniger, sie sagen, das liegt an der Ansteckungsgefahr.
Mein größter Wunsch ist es, in Europa Zuflucht zu finden und dort ein neues Leben beginnen zu können. Dann möchte ich Ärztin werden, um den Menschen zu helfen. Denn ich weiß, wie es ist, keine Hilfe zu bekommen und ich weiß, wie es ist, fast die Hoffnung zu verlieren. Ich möchte Hilfe und Hoffnung weitergeben, denn diese beiden Dinge sollten jedem zuteil werden können. Manchmal stelle ich mir vor, ich wäre in einem anderen Land geboren worden, einem Land wie Deutschland. Dann hätte ich noch eine Familie, würde vielleicht sogar eine gute Schule besuchen können. Aber das sind nur Träumereien, das weiß ich natürlich.
Das worauf ich hoffen kann, ist, dass Länder wie Deutschland mich aufnehmen. Das Verfahren ist kompliziert, aber da ich alleine bin, habe ich relativ gute Chancen. Darauf konzentriere ich mich, während ich zurück zu meinem Zelt laufe. Vielleicht wird ja irgendwann doch alles gut.