14/06/2026
📖 Akzente-Gedicht am Sonntag
„Atmen anhalten“ lautet der Titel des Bandes der 2019 verstorbenen Dichterin, die in diesem Jahr ihren 100. Geburtstag gefeiert hätte. Zu sieben Einheiten zusammengefasst, lässt die Anordnung Stationen und Themen von Gerlind Reinshagens Leben und Werk anklingen, von der Kindheit in Halberstadt über die Kriegs- und Nachkriegszeit bis zur geteilten und wiedervereinigten Stadt Berlin, wo die Autorin bis zu ihrem Tod lebte. Der Teil „Nachrichten aus der Fünfzigstundenwoche“ erinnert daran, dass Reinshagen ihre Aufmerksamkeit bevorzugt den Leuten aus den sogenannten kleinen Verhältnissen schenkt.
In dem Teil „Vorbilder – Nachbilder“ erscheinen die guten Geister aus der Ahnenreihe der Kunst, wie sie auch den Roman „Göttergeschichte“ bevölkern. In ihren Gedichten besingt Gerlind Reinshagen mehrheitlich Frauen, von Annette von Droste-Hülshoff bis Carson McCullers. Und dieses vorangestellte Gedicht ist eine Liebeserklärung an Emily Dickinson, der Reinshagen schon 1990 einen Brief widmete.
Beide Dichterinnen eint eine intensive Beschäftigung mit der inneren Welt, mit Themen wie Tod, Einsamkeit und der Natur. In Reinshagens Lyrik wird Dickinson oft als eine Art Dialogpartnerin im Geiste beschworen.
Ein Band, der dazu einlädt, innezuhalten und einer großen Stimme der deutschsprachigen Literatur neu zu begegnen – aufmerksam, klug und voller poetischer Zwischentöne.
📚 Quelle:
Gerlind Reinshagen: *Atmen anhalten. Gedichte.* Suhrkamp Verlag, Berlin 2018, 162 Seiten.
Gelesen und besprochen von Christa Peiseler.