19/01/2026
"Tauben füttern ist doch überall verboten!“
Ein Satz, den erstaunlich viele Menschen mit großer Überzeugung sagen – und mit erstaunlich wenig Wissen.
Nein.
Taubenfütterung ist nicht weltweit verboten. Solche Regelungen – wenn es sie gibt – werden von Städten und Kommunen festgelegt. Unterschiedlich, widersprüchlich, oft politisch motiviert. Aber sicher nicht naturgegeben.
Und trotzdem gibt es Menschen, die regelrecht verlangen, dass Fütterungsverbote verhängt werden.
Was dabei gern ausgeblendet wird:
Stadttauben sind verwilderte Haustiere.
Vom Menschen gezüchtet, genutzt, abhängig gemacht – und dann sich selbst überlassen.
Ein generelles Fütterungsverbot für Tiere, die der Mensch erst domestiziert und dann im Stich gelassen hat, ist aus Tierschutzsicht nicht haltbar. Rein Tierrechtlich wäre es nicht möglich so ein Verbot durchzusetzen.
Wenn dieses Verbot steht, hat es also rein verfassungs- und ordnungsrechtliche Gründe.
Es ist eine Absurdität, die sich manche offenbar „schönreden“?!
Noch immer hält sich außerdem hartnäckig der Mythos, Tauben seien Müllschlucker. Allesfresser.
Sind sie nicht.
Tauben sind Körnerfresser. Samen und Getreide – darauf ist ihr Verdauungssystem ausgelegt.
Werden sie artgerecht gefüttert, sind sie gesünder. Und ja: Auch ihr Kot sieht dann anders aus.
Gleichzeitig empören Menschen sich über Dreck auf Balkon oder Auto,
als gäbe es da draußen nicht unzählige Vogelarten, die ebenfalls ihre Spuren hinterlassen.
Amseln, Spatzen, Krähen, Möwen – nur die Taube wird zur Projektionsfläche.
Besonders schräg wird es, wenn man sich umsieht:
Fast jede städtische Wiese ist mit Hundekot übersät. Größer, geruchsintensiver, hygienisch deutlich problematischer.
Und trotzdem gilt: Hunde gehören dazu.
Was viele vergessen:
Tauben haben auch dazugehört.
Über Jahrhunderte. Als Nutztiere, als Brieftauben, als gezüchtete Begleiter des Menschen.
Und noch etwas wird gern verdrängt:
Die Natur war vor der Stadt da.
Tiere haben diese Räume bewohnt, lange bevor Beton, Asphalt und Glas sie überzogen haben.
Die Stadt ist kein rein menschlicher Raum, in den sich Tiere „verirren“.
Sie ist ein Raum, den wir in bestehende Lebensräume hineingebaut haben. Mal ganz davon abgesehen, dass im speziellen Tauben, vom Menschen selbst domestiziert wurden.
Sich heute darüber zu beschweren, dass eine Taube gurrt oder sichtbar ist,
während Baustellenlärm, grelles Licht und Dauerbeschallung akzeptiert werden,
ist ein bemerkenswertes Paradox.
Ich erlebe das ganz konkret bei der Wiesenfläche nahe meiner Wohnsiedlung.
Wenn ich dort verantwortungsvoll füttere – ein, zwei Hände voll Körner, nichts bleibt liegen, man könnte meinen das kann kein Konfliktpotenzial haben – reicht es oft schon, dass jemand ans Fenster tritt.
Der Schwarm fliegt panisch auf. weg.
Als würde Beobachtung allein schon Strafe bedeuten.
Manchmal fühle ich mich dabei wie in eine andere Zeit zurückversetzt.
Vorhänge bewegen sich. Blicke hinter Glas.
Ein Klima des Misstrauens, des stillen Denunzierens.
Verstörend. Ehrlich.
Und dann, ganz leise, gibt es auch das Gegenteil.
Neulich kam ein älterer Herr mit einem kleinen durchsichtigen Säckchen, darin waren Körner.
Ruhig. Selbstverständlich. Ohne Drama.
Ein Taubenfreund. Mensch hat mich das gefreut! Ich hab mich gleich bei ihm bedankt.
Manchmal reicht einer, um zu zeigen:
Es geht auch anders.
Text und Bild: Leela la Loona