10/03/2026
Bernies Buchtipp: Aus dem Dachfenster die Wolken sehen von Selene Mariani
Wie möchte ich leben? Was erfüllt mich? Ist ein erfülltes Leben überhaupt möglich angesichts der Krisen, in denen sich die Welt befindet? Möchte ich ein Kind?
Diese und ähnliche Fragen beschäftigen die namenlose Protagonistin in Selene Marianis neuem Roman „Aus dem Dachfenster die Wolken sehen“.
An der Schwelle zum dritten Lebensjahrzehnt findet sie sich noch immer auf der Suche nach einem Platz im zeitgenössischen Großstadtleben. Sie beobachtet, mal empathisch, mal kritisch, nimmt nicht wirklich Teil am Leben um sie herum. Ihr Job im Café bietet ihr reichlich Gelegenheit zu kritischer Betrachtung und konfrontiert sie immer wieder aufs neue mit den vielfältigen Lebensentwürfen ihrer Generation. So verlockend und verheißungsvoll diese auf den ersten Blick auch erscheinen mögen, bei genauerer Begutachtung verlieren sie beträchtlich an Glanz.
Vor allem die Geschlechterrollen, die ungleiche Verteilung von Arbeitsbelastung und Macht innerhalb von Beziehungen, erweisen sich beim Blick hinter die Kulissen oftmals als erstaunlich konventionell und widerständig gegen jegliche Form von Ausgleich oder Fortschritt. Ist es wirklich das, wonach sie sich sehnt? Diese Frage stellt sich nicht zuletzt, als ihre Schwester nach gescheiterter Ehe samt kleiner Tochter zu ihr zieht...
Selene Mariani findet, wie schon in ihrem Erstling Ellis, sehr feine, wohlgesetzte Worte für ihre Beobachtungen und Beschreibungen unseres modernen Lebens. Hintersinnig und entlarvend zeigt sie Defizite auf und legt den Finger in die Wunde: sind wir immer noch so traditionell in unserem Rollenverständnis? Die Frage muss natürlich jede:r für sich selbst beantworten. Selene Mariani gibt für diese Auseinandersetzung wertvolle Hinweise, denen sich zu stellen, zumindest für mich als Mann, nicht immer angenehm ist. Aber um so wichtiger…
Ein leises nachdenkliches Buch und ein großes Lesevergnügen!