01/06/2026
Meine Kolumne von letzter Woche
Es gibt Menschen, die beim Wort „Routine“ sofort an graue Flure denken. An abgestandenen Kaffee, immergleiche Wege und Tage, die geschniegelt im Gänsemarsch vorbeiziehen. Routine klingt verdächtig nach Stillstand. Nach einem Leben auf Autopilot. Aber vielleicht verwechseln wir Routinen mit Käfigen, obwohl sie oft eher Geländer sind.
Denn seien wir ehrlich. Das Leben ist laut geworden. Nachrichten ploppen auf wie Popcorn, Termine stolpern übereinander, und irgendwo zwischen Einkaufsliste und Selbstoptimierung verlieren wir manchmal das Gefühl für uns selbst. Genau dort stehen Routinen wie kleine Laternen am Wegesrand. Nicht spektakulär. Aber verlässlich.
Der erste Kakao am Morgen. Die Runde um den Block, obwohl es nieselt. Das Buch vor dem Einschlafen. Diese winzigen Wiederholungen sind keine Fesseln. Sie sind Anker und erinnern uns daran, dass nicht jeder Tag neu erfunden werden muss, um wertvoll zu sein.
Vielleicht liegt die Kunst nicht darin, Routinen zu vermeiden, sondern die richtigen zu wählen. Die, die Luft lassen. Die nicht einengen, sondern tragen wie gut eingelaufene Schuhe. Niemand käme auf die Idee, einem Baum vorzuwerfen, dass seine Wurzeln ihn festhalten. Gerade weil er verwurzelt ist, kann er wachsen.
Und vielleicht brauchen wir genau das in einer Zeit, die ständig Bewegung fordert. Rituale, die uns nicht klein machen, sondern sammeln. Nicht Kontrolle um der Kontrolle willen, sondern kleine feste Punkte, an denen wir uns selbst wieder begegnen.
Routine ist dann keine Monotonie mehr. Sondern eine Form von Fürsorge. Ein stilles Versprechen an sich selbst. Egal, wie hektisch die Welt wird, irgendwo wartet etwas Vertrautes auf dich.